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Mutti, das Arbeitstier

  • Foto del escritor: Argentinisches Tageblatt
    Argentinisches Tageblatt
  • 3 oct 2021
  • 3 Min. de lectura

Von Catharina Luisa Deege

Irgendwie wird sie einem fehlen. Und das, obwohl meine politische Ideen meilenweit von vielen Inhalten ihrer Partei entfernt sind. Ihre Persönlichkeit und ihr Auftreten mit all‘ seinen Kuriositäten wird fehlen. Die einfarbigen Kostümchen, der ruhige Ton, die Merkel-Raute - Angie ist Kult. Und uns in Deutschland aufgewachsene „Millenials“ (deutsch: „Jahrtausender“) begleitet sie schon ein Leben lang.

Ich bin im Jahr 1999 geboren. Laufen lernte ich mit Gerhard Schröder, schreiben und lesen bereits mit Angela Merkel. Als ich klein war, spielte die Kanzlerin eine so wichtige Rolle in meinem Leben, wie eine Person der Bundespolitik für Grundschulkinder nun einmal spielt: nämlich kaum eine. Auf der ostfriesischen Insel Borkum sah ich sie einmal Wahlkampf machen. Damals war ich präpubertär, im Urlaub mit meinem Bruder und meiner Oma, und dachte, Merkel wolle uns Touristinnen und Inselbewohnern einfach mal einen Besuch abstatten. Das fand ich nett.

„Nett“ ist ein gutes Stichwort. Merkel gilt auch deshalb als so kompetent, weil sie kompromissbereit ist. Sie bewahrt einen kühlen Kopf, wägt in aller Ruhe ab und entscheidet dann. Ähnlich wie ihre Reden, die lustigerweise gerne auch mal von inter-

nationalen DJ‘s über entspannte Beats gelegt werden (sehr zu empfehlen: lo fi merkelwave beats to relax/get nothing done to), kommen sie und ihre Politik jedoch auch immer etwas träge daher. Und das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum sich Politik in meiner Generation vor Fridays For Future und der Geflüchtetenkrise 2015 oftmals nur wie nette Hintergrundmusik angefühlt hat; sie trällerte so vor sich hin.

Merkel und ihre Partei repräsentieren meine Generation keineswegs. Da schafft auch - oder besser gesagt erst recht - kein 28-jähriger Philipp Amthor Abhilfe. Das Liebenswerte an Angie ist jedoch genau das: Sie weiß, wer sie ist und was sie verkörpert. Von Satire lässt sich die Bundeskanzlerin nicht annähernd beeindrucken; kein öffentliches Gejammer, keine Zurechtweisungen, dafür ist ihre Zeit zu kostbar. Sie bleibt lieber produktiv.

Angela Merkel ist eben keine Lifestyle-Kanzlerin. Wenn sie im Fernsehen eine Rede hält, dann geht es um Wichtiges - oder Silvester. Beim Durchzappen des Fernsehprogramms sieht man sie vielleicht auf ntv bei einer Live-Übertragung aus dem Bundestag oder beim Händeschütteln mit anderen Länderchefs in den Tagesthemen. Auf Privatsendern entdeckt man sie selten. Privat und persönlich wurde es bei ihr schließlich auch äußerst selten.

Somit staunte ich nicht schlecht, als bekannt wurde, dass sie sich kurz vor der Bundestagswahl 2017 von deutschen Influencer*innen interviewen lassen würde. Die Beauty-Youtuberin Ischtar Isik, Musiker AlexiBexi, der Moderator Mirko Drotschmann alias MrWissen2go und Influencerin Lisa Sophie Laurent (ItsColeslaw) hatten die Ehre, Merkel auszuquetschen. Die ganze Veranstaltung lief unter dem Motto #DeineWahl.

Es gab ein merkwürdiges Bild ab. Hierbei wurde ersichtlich, dass Merkel den Beruf des Influencers nicht verstanden hatte (Zitat: „Und Sie machen nur... Selbstdarstellung?“). Sie auf einmal mit der perfekt frisierten Ischtar Isik plaudern zu sehen, war für mich ungewohnt. Und dann fiel im YouTube-Interview auch noch die Frage nach dem Feminismus. Sie habe ja als weibliche Kanzlerin viele Frauen, die sie als Vorbild nehmen. Die Kanzlerin reagiert zurückhaltend. Sie erklärt Isik, sie wolle sich „nicht mit fremden Federn schmücken“. Angela Merkel weiß nun einmal auch ganz genau, was sie nicht ist.

Dass sie sich in der Union als Frau aus dem Osten an die Spitze boxte, ist bewundernswert. Klar können sich Mädchen an ihr ein Beispiel nehmen. Doch habe ich Merkel persönlich niemals als starke Frau, die für Gleichberechtigung kämpft wahrgenommen, sondern eher als geschlechtsneutrales Arbeitstier. Ein Arbeitstier, das ausgedient hat und Platz für frischen Wind lässt - auch, wenn das für mich heißt: Jugend, ade.

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