100 Jahre Astor Piazzolla
- Argentinisches Tageblatt

- 29 abr 2021
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Auf den Spuren des „Tango Nuevo“
Von Wim van Geenen

Buenos Aires (AT) - Astor Piazzolla gehört als Begründer des „Tango Nuevo“ zu jenen Tangokünstlern, die auch außerhalb der „Szene“ internationale Bekanntheit erlangten. 100 Jahre nach seinem Geburtstag reicht seine Strahlkraft bis über den Atlantik: Das WDR-Sinfonieorchester widmete ihm ein Konzert zum Jubiläum, das oberbayrische Dörfchen Eiselfing hatte bereits zuvor eine Straße nach dem argentinischen Ausnahmekünstler benannt. Heute gilt Piazzolla, der 1992 verstarb, als einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Dennoch war es für das Multitalent Piazzolla ein steiniger Weg zum Erfolg - bereits zu Lebzeiten wurden er und sein Werk kontrovers diskutiert.
„Piazzolla war ein eher eigenwilliger Zeitgenosse“, erklärt Bernd „Bernardo“ Fingas, aus Baden-Württemberg eingewanderter Bandoneonist, Arrangeur, Komponist und Piazzolla-Kenner beim Interview auf seiner Terrasse in Almagro. Konfliktiv sei Piazzolla gewesen, selbstbezogen und mit teils pubertären Charakterzügen. Jenseits seiner musikalischen Biografie existieren zahlreiche Anekdoten, wie er seine Mitmenschen mit „Streichen“ und wenig empathischem Verhalten vergrämte.
Diese Besonderheiten zeichneten sich bereits in Piazzollas Kindheit ab: Geboren am 11. März 1921 in Mar del Plata als Kind italienischer Einwanderer, zog es die Familie bereits 1925 in die USA. Angekommen im New Yorker Stadtteil Lower East Side, damals ein Armenviertel, entwickelte sich der erst vierjährige Astor in den folgenden Jahren zu einem Raufbold, der viel Zeit auf der Straße verbrachte. Als ihm der Vater mit acht Jahren sein erstes Bandoneon schenkte, hatte Piazzolla bereits mehrere Schulverweise erhalten, und auch seine ersten Musiklehrer konnten nicht viel mit ihm anfangen: Einer trennte sich von seinem Schüler, da dieser keine merklichen Fortschritte gemacht habe.
Während der „Großen Depression“ kehrten die Piazzollas nach Argentinien zurück, wo Astor Bandoneonstunden nahm. Doch bereits wenige Monate später zog es die Familie wieder nach New York. Dort machte der junge Piazzolla erste Begegnungen mit dem zu jener Zeit beliebten Jazz. Mit nur elf Jahren hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt in New York.
Mit zunehmenden Alter wuchs die Bedeutung der Musik für das vorherige „Problemkind“ der Piazzollas: Mit 13 begann er, Bach zu hören, mit 14 spielte er bereits im Radio und in kleinen Theatern. Zeitgleich lernte er in New York den damaligen Tango-Weltstar Carlos Gardel kennen, der sich begeistert von Piazzollas Fähigkeiten am Bandoneon zeigte.
Als die Familie 1937 erneut nach Argentinien zurückkehrt, entdeckt der 16-jährige Piazzolla seine Liebe zum Tango. Nach zwei weiteren Jahren in Mar del Plata kommt er 1939, mitten in der „Goldenen Epoche“ des Tango, nach Buenos Aires. Trotz seiner Abneigung gegen das vibrierende Nachtleben der Großstadt zieht es den zunächst einsamen Heranwachsenden immer wieder in die Cafés und Nachtclubs. Nächtelang bewundert er im „Cafe Germinal“ (damals Avenida Corrientes 942) das Orchester des Tangostars Aníbal Troilo, eines der bekanntesten dieser Zeit.
Eines Tages kam Piazzolla dort mit einem Violinisten ins Gespräch, dem der Dauerbesucher schon länger aufgefallen war. Die beiden wurden Freunde. Als kurz darauf ein Bandoneonist ausfiel, kam die Chance für Piazzolla: Troilo lud ihn zum Vorspiel, Piazzolla bekam die Stelle im Orchester und wurde bald zum ersten Bandoneonisten. Während der Zeit mit Troilo lernte er nicht nur seine spätere Ehefrau Odette Maria Wolf kennen, sondern kam auch mit vielen Tangogrößen der 40er-Jahre wie Enrique S. Discépolo und Homero Manzi in Kontakt.
Bereits in dieser frühen Phase seines Wirkens fällt auf, wie sich Piazzolla in eine andere Richtung entwickelt. Nachdem er in Buenos Aires bei Alberto Ginestra Komposition, Orchestrierung und Harmonielehre studierte, entfernt sich seine Musik langsam, aber sicher vom klassischen Tango. „Piazzolla wollte nicht einfach nur ein Tanzorchester haben, er wollte ernste Musik machen, wollte gehört und ernst genommen werden“, sagt Bernardo Fingas. Sein Orchesterchef Troilo sei hingegen stets auf tanzbare Musik fokussiert gewesen. Eines Tages soll er entnervt gerufen haben: „Stoppt Astor! Er macht mir das Tanz- zum Sinfonieorchester.“ Die Meinungsverschiedenheiten enden schließlich im Zerwürfnis: Nachdem Piazzolla Troilo im Jahr 1944 vor einem Auftritt mit Juckpulver bestreute, wird er von diesem entlassen. Piazzolla beschreibt den Vorfall später mit den Worten: „Ich bin gegangen, weil ich ich selbst sein wollte.“

Nach der Entlassung aus Troilos Orchester fokussiert sich Piazzolla zunächst auf andere Projekte: Neben einigen klassischen Werken komponiert er Filmmusik - eine Konstante in seinem musikalischen Schaffen. 1946 gründet er ein eigenes Orchester, welches er 1949 - einigen Quellen zufolge aus antiperonistischen Motiven - auflöst, um nicht für die „Fundación Eva Perón“ spielen zu müssen. Sein Bandoneon steht während dieser Zeit größtenteils im Schrank.
1954 gewinnt Piazzolla bei einem Kompositionswettbewerb einen Geldpreis, er selbst spricht später von einem Stipendium für einen Studienaufenthalt in Frankreich. Dort angekommen macht er eine wegweisende Begegnung: In Paris studiert er elf Monate bei der damals bereits fast 70-jährigen Natalia Boulanger, einer der bedeutendsten Kompositionslehrerinnen ihrer Zeit und zugleich enge Freundin von Igor Stravinski.
Boulanger habe Piazzolla geholfen, seine Identität zu finden, sie habe ihm seine Suche klargemacht, erklärt Bernardo Fingas. Während der Zeit in Paris habe sich der Piazzolla entwickelt, wie man ihn heute kenne. Als Piazzolla Boulanger zunächst widerstrebend einige Tangos vorspielt, sagt sie ihm: „Hör niemals damit auf! Das ist deine Musik, so klingt Piazzolla.“ Aus „Tango oder Klassik“ wurde so „Tango und Klassik“.
Zurück in Buenos Aires gründet Piazzolla 1955 das „Octeto de Buenos Aires“, eine achtköpfige Formation, die heute als Startpunkt seines avantgardistischen Tango gesehen wird. Ihre künstlerischen Überzeugungen beschreiben sie in einer Art Manifest. In diesem wird unter anderem eine antikommerzielle Ausrichtung, die Einführung bisher Tango-untypischer Instrumente wie E-Gitarren und eine Abwendung von Tanzveranstaltungen festgelegt.
Es ist jene Zeit, in der Piazzolla dem Bandoneon einen neuen Stellenwert zuschreibt. Wurde es bis dahin meist im Sitzen gespielt, beginnt Piazzolla im Stehen zu spielen, er öffnet das Bandoneon bis zum Anschlag. So hebt er es nicht nur als Soloinstrument hervor, sondern zeigt Instrument und Spieler als eine Art Skulptur, erläutert Bernardo Fingas. Bandoneon zu spielen wird mit Piazzolla zur Performance.
Piazzollas avantgardistische Formation wird im Buenos Aires gegen Ende der 50er-Jahre heiß diskutiert. Obwohl er zu dieser Zeit bereits über Argentinien hinaus bekannt ist, ist die Tango-„Szene“ von Buenos Aires tief gespalten: Zwischen Pro- und Anti-Piazzollas kommt es zu einem regelrechten „Tango-Krieg“, der stellenweise sogar in Gewalt mündet. Streitpunkt ist beispielsweise die Einbindung elektrischer Gitarren ins Orchester. Piazzolla erlebt in diesen Jahren offene Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.

Als der wirtschaftliche Erfolg des Octetos längerfristig ausbleibt, entschließt sich Piazzolla 1958 für eine Rückkehr nach New York, wo er sich zudem eine angemessene Wertschätzung seiner Musik erhofft. Da er beim US-Publikum jedoch nie wirklich punkten kann und eine zunehmende Unzufriedenheit mit seiner musikalischen Entwicklung verspürt, kehrt er bereits 1960 wieder nach Buenos Aires zurück.
Dort hat sich die kulturelle Landschaft inzwischen verändert: Aus dem Ausland kommt der Rock’n’Roll nach Argentinien, die „Goldene Epoche“ des Tango ist Vergangenheit. Von der Vielzahl an Orchestern vergangener Jahrzehnte haben nur die bekanntesten überlebt, was Piazzolla, zu dieser Zeit bereits eine kulturelle Ikone in Argentinien, einen gewissen Raum für seine künstlerische Entfaltung bietet. Dennoch flammt mit seiner Rückkehr der „Tango-Krieg“ wieder auf: Während einige Taxifahrer Piazzolla kostenlos durch Buenos Aires befördern, verweigern ihm andere die Fahrt, da er den Tango „zerstört“ habe.
Mit dem Quinteto „Nuevo Tango“ betritt Piazzolla 1960 erneut die musikalische Bildfläche von Buenos Aires. Es ist jene fünfköpfige Formation, mit der er seinen eigenen Stil verfestigt und gleichzeitig seine bekanntesten Werke präsentiert, darunter „Adiós Nonino“ und die „Estaciones porteñas“.
In den folgenden Jahren geht es für Piazzolla aufwärts: Er gewinnt Preise, komponiert 1967 seine Tango-Oper „María de Buenos Aires“ und wird 1972 eingeladen, im Teatro Colon zu spielen. „Es war für ihn eine große Genugtuung, als er im Teatro Colon spielen konnte“, sagt Bernardo Fingas über das schwierige Verhältnis von Piazzolla zu Buenos Aires. „Das war für ihn der Beweis, dass er jetzt hier anerkannt ist.“
In den letzten Jahrzehnten seines Lebens wird Piazzolla eine Art Weltstar. Er spielt in Paris, New York und einer Vielzahl europäischer Metropolen. 1985 wird er Ehrenbürger der Stadt Buenos Aires. Noch in seinen letzten zehn Jahren schreibt er über 300 Tango-Stücke, bevor er am 4. Juli 1992 mit 71 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt.
Lehrmeister habe er in seinem Leben drei gehabt, soll Piazzolla gesagt haben: Alberto Ginastero, Natalia Boulanger und Buenos Aires. Den Einfluss der Stadt Buenos Aires auf Musik und Komposition kann Bernardo Fingas gut nachvollziehen: Tango habe viel mit Schwermut und Nostalgie zu tun - und nirgendwo könne man so nostalgisch sein wie in Buenos Aires, sagt er und lacht. Es gehe beim Tango darum, diese Eindrücke zu stilisieren und künstlerisch zu verarbeiten. Der Tango sei daher sehr stark mit Buenos Aires verbunden. „Mit der Zeit geht das auf einen über; auf die Art, wie man sich ausdrückt, auf die Art, wie man Sachen sagt, also nicht nur musikalisch, sondern überhaupt“, sagt er.
Geblieben ist von Piazzolla, neben seinem umfangreichen Werk, insbesondere die Faszination für seine Musik. „Als Piazzolla für sich selbst geschrieben hat, war das eine unglaublich ausladende Musik, eine ausladende Orchestrierung, unglaublich elektrisch“, sagt Fingas. Der 48-Jährige aus Filderstadt bei Stuttgart lebt heute seit fast 20 Jahren in Buenos Aires. Seine Auseinandersetzung mit Piazzolla begann Mitte der 90er-Jahre mit einer CD, die ihm über einen Bekannten in die Hände fiel. Direkt verfallen sei er dem Sound von Piazzolla nicht, aber die Musik habe sein Interesse geweckt: Ungewohnt, durchdringend, auffällig habe sie auf ihn gewirkt.
Obwohl von Haus aus studierter Künstler und Fotograf, lässt ihn Piazzollas Musik nicht los. Er kauft weitere CDs und begibt sich in Deutschland auf die Suche nach einem Bandoneon, womit er in Musikgeschäften für Erstaunen sorgt. In einem Laden weist ihn ein älterer Verkäufer darauf hin, dass sie seit den 50er-Jahren keine Bandoneons mehr führen würden, so erzählt er im Interview.
Als es ihm schließlich gelingt, ein nachgebautes Bandoneon aufzutreiben, ist er nicht zufrieden. Das Instrument klingt nicht wie bei Piazzolla, stattdessen eher wie das in Deutschland beliebtere Akkordeon. Im Oktober 1998 führt ihn die Spur des Bandoneons dann bis nach Buenos Aires: Zunächst für ein halbes Jahr, nach seinem Abschluss an der Kunstakademie in Düsseldorf 2001 folgt ein weiterer Aufenthalt. Im Jahr 2003 bleibt Fingas in Buenos Aires. Umwege seien es nicht gewesen; er sei über Piazzolla nach Argentinien gekommen, sagt er heute. „Das war der Weg, nicht der Umweg.“
Zunächst lernt er mit Privatlehrern, spielt dann in einem Orchester und vertieft seine Bandoneon-Studien immer weiter. Das Instrument sei unglaublich schwer zu beherrschen, sagt er, er hätte es damals unterschätzt. Aber die Faszination Piazzolla treibt ihn weiter an. Er studiert eine Zeit am Konservatorium, gründet eigene Formationen und lernt unter anderen bei Osvaldo Montes.
Als dieser ihn ermutigt, seinen eigenen Stil zu finden und er zudem beginnt, selbst Tango zu tanzen, entfernt er sich musikalisch von Piazzolla. Auf sein eigenes musikalisches Schaffen habe Piazzolla zwar einen gewaltigen Einfluss gehabt, sagt Fingas, allerdings höre man sich irgendwann satt an dessen Musik. Obwohl als „Tango Nuevo“ gefeiert, seien viele von Piazzollas Werken nach immer demselben Schema entstanden und blieben dabei oberflächlich. „Piazzolla hat auf der einen Seite eine Tür aufgemacht, aber er hat sie auch gleichzeitig wieder zugemacht.“
Auf diesem Wege sei er, wie viele andere, nach einer langen Auseinandersetzung mit Piazzolla wieder zum klassischen Tango zurückgekommen. Vieles am „Tango Nuevo“ sei letztendlich eher die Person Piazzolla gewesen, weshalb er als Musikstil kaum weiterzuentwickeln sei. Jeder Versuch, den Tango Nuevo weiterzuentwickeln, führe immer ins Gleiche zurück - so seine persönliche Meinung, wie Fingas betont.
Jahre nach dem großen Revival des Tangos zu Beginn der 2000er-Jahre spielt, komponiert, arrangiert und unterrichtet Fingas heute in Buenos Aires. 2017 bekam er vom Instituto Nacional de la Música ein Stipendium, um eine CD aufzunehmen. Daraus entstand das Album Flaneur, eine von insgesamt vier CDs. Erst dieses Jahr verlieh ihm der Fondo Nacional de las Artes eine „mención especial“ für eine kompositorische Arbeit. Über die Jahre tourte er sieben Mal durch Europa und Brasilien; für seine Bandoneon-Schüler hat er eine eigene Lehrmethode entwickelt.
Piazzolla sei für ihn eine Art Initiator gewesen, so Fingas, genau wie für viele andere Europäer, die sich für Tango interessieren. Zum Ende des Interviews öffnet der Schwabe sein Bandoneon (Baujahr 1938) in seinem spartanisch, aber geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer. Wenn er spielt wirkt es, als ginge er eine Symbiose mit dem Instrument ein: Während seine Finger über die für Laien kaum verständliche Tastenordnung gleiten, verändert sich seine Mimik zu den raumerfüllenden Klängen, deren entrückende Intensität den Journalisten für eine Zeit verstummen lässt. Piazzolla, so scheint es, hat zu seinem 100. Geburtstag nichts an Aktualität verloren.











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